Die Geschichte des FAVK

Natürlich gab es auch vor dem Krieg Karneval in Viersen mit der ”Große Viersener” von 1928, der Prinzengarde von 1929 und Stadtprinzen. Es blühte die Narretei in den Sektionen. Sie war allerdings mehr auf Vereine und Straßengemeinschaften beschränkt. Ein Orden aus der Sektion Eichelnbusch von 1901 lässt vermuten, dass sich die karnevalistische Spur bis ins 19. Jahrhundert verfolgen ließe. Doch hier liegt leider noch manches im Dunklen. Der Ausbruch des ”Zweiten Weltkrieges” mit seinen schrecklichen Folgen brachte das Karnevalsgeschehen ab 1939 jäh zum Erliegen. Es gab keinen Platz mehr für gesellschaftliches Leben, erst recht nicht für karnevalistisches Treiben. 1945 stand man dann in jeder Beziehung vor einem Trümmerhaufen. Doch schon bald regte sich das zunächst zarte Pflänzchen Karneval in allen Teilen der Stadt. Nach den Jahren des Schreckens sehnten sich die Menschen nach Freude. Sie wollten die schweren Zeiten wenigstens gegen einige Augenblicke des Froh- und Glücklichseins eintauschen. Das zeigte sich vor allen Dingen in den Sektionen und auch beim Möhnetreiben in der Stadt. 1950 wurden die ersten Karnevalsgesellschaften nach dem Krieg gegründet:

KG. HelenabrunnKG. HoseriaKG. Hamm wer NetKG. Fideles Kränzchen

Seit 1936 existierten schon die Roahser Jonges, die jetzt auch wieder in Erscheinung traten. 1953 wurden die Jrön-Wette Jonges gegründet und bald darauf meldeten sich auch die Böversch Roahser Jecke.Der Wahlspruch, unter dem sich nach dem Krieg die Karnevalisten ins närrische Geschehen stürzten, lautete:

Freu’ Dich und lache, auch wenn Du in Not bist. Was hast Du vom Leben, wenn Du mal tot bist.

 

Die starken karnevalistischen Aktivitäten in den Sektionen führten dazu, dass man bald in fast jeder Sektion bzw. Gesellschaft einen Prinzen bzw. ein Prinzenpaar kürte. Unter den Karnevalisten, aber auch in der Bevölkerung wurde der Ruf nach einem karnevalistischen Dachverband für die Gesamtstadt immer lauter. Ein Prinz für ganz Viersen schien den meisten Karnevalisten doch vorteilhafter zu sein für ihr Anliegen als viele in den Sektionen.Kurt Haun, Präsident der Hoseria und ”Brauchtumsvater” verfocht diese Idee vehement und war auch bei der Suche nach Gleichgesinnten erfolgreich. Die Realisierung dieser Idee war nun keinesfalls einfach. Die Gesellschaften wollten zwar einen Dachverband, aber ihre Eigenständigkeit wollten sie keineswegs aufgeben. Eine Gratwanderung war angesagt. Es mus-ste unter allen Umständen gewährleistet sein, dass man den Karneval in der eigenen Gesellschaft unbeeinflusst von einen ”Festausschuß” gestalten konnte. Andererseits wünschte man sich auch ein Prinzenpaar und einen Umzug für die ganze Stadt, weil man dann, wie von den Bruderschaften bekannt, Förderung durch die Stadt erfahren würde. Die Gesellschaften einigten sich, nachdem das Ziel formuliert war, auf einen allerseits respektierte Persönlichkeit als ”Gründungspräsident”, Franz von der Maßen, der damals Ehrenpräsident der Roahser Jonges war. Kurt Haun, Präsident der Hoseria, stand ihm zur Seite. Die beiden beriefen auch die Gründungsversammlung in die Gaststätte ”Pschorr-Bräu” (Lindenstraße) ein.Die Karnevalsgesellschaften ”Roahser Jon-ges”, ”Hoseria”, ”Helenabrunn”, und ”Hamm wer net” hoben, nachdem ihre Eigenständigkeit garantiert war, einstimmig am 30. Oktober 1956 den Festausschuß Viersener Karneval aus der Taufe. Ideelle und tatkräftige Unterstützung sagten der Verkehrs- verein, vertreten durch die Herren Josef Abrahams und Helmut Arbeiter, und der Heimatverein, repräsentiert durch seinen 1. Vorsitzenden, den Oberbürgermeister Hermann Hülser, zu. Der Oberbürgermeister war davon überzeugt, dass sich dem gesamtstädtischen Karneval auch die Pforten der Festhalle öffnen würden. Immerhin gab es auch damals Saalprobleme, jedenfalls was das Fassungsvermögen für eine Großveranstaltung anbelangte. Einzelpersonen versprachen ebenfalls, den neu gegründeten Festausschuß Viersener Karneval mit Rat und Tat zu unterstützen.In dieser Gründungssitzung verabschiedete man auch ein Grundsatzprogramm. Im Gründungsprotokoll heißt es: ”Oberstes Gebot bleibt Reinheit des Karnevals und Viersen soll eine Heim- und Pflegestätte karnevalistischen Brauchtums werden”. In der Jugend sah man den Zukunftsträger und den Garanten eines sauberen Karnevalsbrauchtums. Unser ”Lebendiges Viersen” (Name einer großen Ausstellung) sollte um einen weiteren Anziehungspunkt bereichert werden. Man wählte den Karnevalssonntag als Termin für den Umzug, um Veranstaltungen am Rosenmontag und Veilchendienstag in der Umgebung aus dem Wege zu gehen. Es sollte ein Kinderkarnevalszug sein wie er ja schon im Rahser unter dem Namen ”Jupp-Nilkes-Zug” seit einigen Jahren bekannt war. Kinder aus allen Sektionen und auch aus Stadtmitte sollten daran teilnehmen. Hierfür wollte man die Mitarbeit der Jrön-Wette Jonges gewinnen, um auch die Stadtmitte repräsentiert zu sehen. Weiterhin wurde die Bildung eines Aus-schusses, bestehend aus den Vertretern der Gesellschaften, beschlossen und eines beratenden Gremiums, das sich aus Repräsentanten des Heimat- und Verkehrsvereins zusammensetzte. Im Februar 1957 fanden die ersten Ausschußsitzungen und Hauptversammlungen statt. Trotz finanzieller Probleme, die Herr Direktor Arbeiter nach Rücksprache mit Herrn Abrahams zu lösen versprach, und der Kürze der noch zur Verfügung stehenden Zeit beschloss man, den ersten gemeinsamen Kinderkarnevalszug unter dem Motto ”Wör fange kleen aan” in der Session 1957 durch die Stadt ziehen zu lassen. Paul Funk übernahm die Zugleitung, Herr Schiemann wurde zum Schriftführer berufen, Rat und Verwaltung signalisierten Unterstützung und Präsident Franz von der Maßen stellte fest, ”dass er in seiner jahrzehntelangen karnevali-stischen Betätigung eine derartige Einmütigkeit noch nicht erlebt habe”, was vermuten lässt, dass Karnevalisten schon immer nach dem Motto gewirkt haben: ”Karneval ohne Striet ös Driet”.Acht Gastwirte hatten sich bereit erklärt, in ihren Lokalen eine offizielle Möhnenprämierung durchzuführen, unterstützt durch die Elferräte und Prinzengarden aus den jeweiligen Sektionen. Um die mehrfache Prämierung ein- und desselben Kostüms zu vermeiden, legte man den Zeitpunkt der Auszeichnung in allen Gaststätten auf 23.45 Uhr fest. In einer weiteren außerordentlichen Versammlung am 27. Februar 1957 wurde der von Herrn Thelen und Herrn Direktor Arbeiter verfasste Satzungsentwurf besprochen und in eine, wie man glaubte, endgültige Fassung gebracht. Alle Gesellschaften, auch die Jrön-Wette Jonges, die sich inzwischen dem Festaus-schuß angeschlossen hatten, stimmten der neuen Fassung zu. Nur der Vertreter der KG. Helenabrunn wollte ohne die Befragung sei-nes Präsidenten nicht gleich zustimmen.Die Herren Thelen und Arbeiter hatten den Auftrag erhalten, eine Satzung zu erstellen, damit der Festausschuß ins Vereinsregister eingetragen werden konnte. Dazu benötigte man auch einen kommissarischen Vorstand, der dann wie folgt gebildet wurde.

1. Präsident Franz von der Maßen
2. 2. Präsident Kurt Haun
3. Senatspräsident Helmut Arbeiter
4. Senator für Kassenwesen Josef Abrahams
5. Senator für Geschäftsführung Heinz Schiemann.

Die unter 1 und 3-5 aufgeführten Herren wurden mit der Eintragung beauftragt, was allerdings wegen der unmittelbar bevor-stehenden Karnevalstage auf einen späteren Termin verschoben werden musste.Schließlich betonten Präsident und Geschäftsführung, dass die endgültige Entscheidung erst nach einer Neuwahl auf einer Generalversammlung getroffen werden könnte. Der erste Kinderkarnevalszug wurde ein voller Erfolg, der Dank des Oberstadtdirektors Dr. C. Schaub blieb nicht aus. Die Gründung des Festausschuß hatte großen Anklang gefunden, was auch darin zum Ausdruck kam, dass auf der Generalversammlung im April 1957 neben den Präsidenten und Vorsitzenden der Gesellschaften und Vereinigungen auch die Ratsherren Dr. Zevels (Kulturausschuss) und Dr. Fritz sowie die Lokalredakteure der drei Zeitungen er-schienen waren. Die Förderungswürdigkeit des Zuges wurde von Rat und Verwaltung ausdrücklich anerkannt. Präsident Franz von der Maßen, der sein Amt eigentlich zur Verfügung stellen wollte, konnte sich dem Ruf der Karnevalisten nicht verschließen, das Amt noch einmal zu übernehmen, weil alle in ihm einen allgemein anerkannten und vertrauenswürdigen Vertreter der Gesellschaften sahen, die er wie kein anderer ”unter einen Hut” zu bringen verstehe, was ja auch letztendlich die Aufgabe eines Präsidenten sei.So wurde Franz von der Maßen zum 1. Präsidenten gewählt, Kurt Haun zum 2. Präsidenten oder Stellvertreter, für das Amt des Senatspräsidenten, das bisher nur kommissarisch besetzt war, konnte Josef Michels gewonnen werden, Josef Abrahams kümmerte sich weiter um die Finanzen, Heinz Schiemann blieb Geschäftsführer und Paul Funk Zugleiter, womit der Vorstand komplettiert war. Inzwischen hatten auch die Gesellschaft Erholung, der Quartettverein und die KG. Böversch Roahser Jecke, die wieder aufgelebt war, ihre Mitarbeit zugesagt. Dem Vorstand wurde aufgetragen, die Neufassung der Satzung noch einmal durchzuberaten und die Eintragung ins Vereinsregister vornehmen zu lassen. Herr Hasenclever erbot sich, die erforderliche Unterschrift beim Vereinsrichter zu leisten. Doch schon bald zogen die ersten dunklen Wolken am bis dahin so heiter leuchtenden Karnevalshimmel auf. Es gab wohl wie zwar nicht aus den Protokollen, wohl aber aus dem Schriftverkehr zu ersehen ist, einen Kompetenzstreit. Da wurde zunächst eine Versammlung des Festausschuß ohne Wissen des Präsidenten Franz von der Maßen einberufen, um die neue Satzung zu besprechen, die zu seinem Erstaunen in § 10 b ausführte, dass der Präsident in seinen Befugnissen dem Senatspräsidenten unterstellt ist, ”ein Ding, das mir nicht in den Kopf will”. Des weiteren hatte der Oberstadtdirektor Herr Dr. C. Schaub die Herren Abrahams und Arbeiter, für den Präsidenten ohne Zweifel ehrenwerte Persönlichkeiten, mit der Verfügung der Gelder der Stadt betraut, aber nicht ihn, den Präsidenten, und die anderen Mitglieder des Vorstandes, was er als so ”ehrverletzend” ansah, dass er sich als nicht mehr amtierend betrachtete und für eine eventuelle Neuwahl auch nicht mehr zur Verfügung stehen wollte, zumal er schon immer die Absicht hegte, nach dem Aschermittwoch aus beruflichen Gründen das Amt des Präsidenten niederzulegen. Schien dies im Februar 1957 noch seine unumstößliche Meinung zu sein, ließ er sich, wie bereits erwähnt, getragen vom großen Vertrauen der Karnevalisten, im April 1957 nochmals zum Präsidenten wählen. Doch gegen Ende des Jahres kam es zu einem neuen Eklat. Am 31.12.1957 legte Franz von der Maßen endgültig sein Amt als Präsident nieder wegen der Differenz zwischen versprochenen Förderungsmitteln der Stadt und tatsächlich bewilligten, ”aus Protest gegen die engen Beschlüsse des Rates der Stadt Viersen”. Die Enttäuschung über diesen Entschluss war unter Viersens Karnevalisten um so größer, als zeitgleich auch noch Heinz Schiemann, wenn auch aus beruflichen Gründen, sein Amt als Geschäftsführer zur Verfügung stellte, ohne allerdings die Ent-scheidung des Präsidenten zu kennen. Nur aus dem Briefverkehr zwischen Herrn von der Maßen und Herrn Michels geht hervor, dass die Gesellschaften daraufhin Herrn Michels zum Vorsitzenden des Festausschußes wählten. Sowohl Herr von der Maßen als auch Herr Schiemann erklärten sich in dieser prekären Situation bereit, weiter mitzuarbeiten, wenn auch nicht mehr in verantwortlicher Position. So konnte die Arbeit des Festausschußes erfolgreich und zügig fortgesetzt werden. Man erreichte, dass die Festhalle für einen Büttenabend und den Prinzenball dem Festausschuß zur Verfügung gestellt wurde. Der Festausschuß bat den Oberbürgermeister Hermann Hülser, je eine Ehrenpritsche an die KG. Hoseria und an die KG. Helenabrunn sowie an den Präsidenten des noch zu bildenden Elferrates anlässlich des Empfanges durch den Rat der Stadt Viersen am Altweiberdonnerstag im Rathaus zu verleihen. Der Oberbürgermeister griff diesen Vorschlag auf, ließ durch den Viersener Bildhauer Hans Essen die Narrenpritschen fertigen, stiftete und überreichte sie den Würdenträgern. Da es damals noch kein Archiv gab und die Dokumente bei den verschiedenen Amtsträgern lagerten, ging ein großer Teil, meist nach dem Tod des Amtsträgers oder beim Umzug, verloren und wir können die Ereignisse der Jahre 1958 bis 1964 nur noch aufgrund von Zeitungsberichten oder Erzählungen von Augenzeugen nachkonstruieren. Am Mittwoch vor Karneval 1958 wurden Eugen I. und Martha I. (bürgerliche Solbach) in der Festhalle zu Viersen zum 1. gesamt-städtischen Prinzenpaar der Narrenherrlichkeit Viersen gekürt. Dass eine Prinzenkürung nicht ohne Elferrat stattfinden konnte, war klar. Er sollte aus einem Querschnitt der Viersener Bevölkerung bestehen, was die Karnevalisten auf die Palme brachte. Schließlich setzten sie durch, dass sie in erster Linie den Elferrat bildeten und vier freie Posten mit sogenannten Bürgern besetzten. Es war ein Glücksfall für den Viersener Karneval, dass so herausragende Persönlichkeiten wie der Oberbürgermeister Hermann Hülser die Sitzungspräsidentschaft in der 1. Halbzeit und Dr. Franz-Josef Zevels in der 2. Halbzeit übernahmen. Am Altweiberdonnerstag fand ein Empfang durch Rat und Verwaltung im Rathaus statt mit Schlüsselübergabe an Prinz Eugen I. 69 ausgewählte Persönlichkeiten, in der Hauptsache Karnevalisten, waren geladen, die in einem PKW-Konvoi von der Parkstraße-Bahnhofstraße vor dem Rathaus vorfuhren. Am Karnevalssamstag stieg dann der 1. Prinzenball in der Festhalle. Höhepunkt war schließlich am Tulpensonntag, den 16. Februar 1958 der Kinderkarnevalszug unter dem Motto: ” Wör send jewaasse”. Die Generalversammlung am 31. März 1958 in der Gesellschaft Erholung zeigte, dass allen Unkenrufen zum Trotz die Session 1958 ein voller Erfolg war. Es konnte sogar ein Überschuss von 2.872.64 DM erwirtschaftet werden, von dem 20% an die Gesellschaften ausgezahlt wurden. Dann wurde einstimmig ein neuer Vorstand gewählt. Senatspräsident: Josef Michels, stellvertretender Senatspräsident: Kurt Haun, Senatoren für Finanzen: Heinz Schiemann und Helmut Arbeiter, Senatoren für den Festzug: Josef Nilkes und Paul Funk, Senatoren für die Büttenredner: Erich Classen und Ludwig Schriefers.Für eine spätere Versammlung sah man die Wahl eines Protokollführers vor. Auf Vorschlag von Herrn Arbeiter wurde sichergestellt, dass die Gesellschaften im Festausschuß in jedem Fall über 51% der Stimmen verfügten, immer eine Stimme mehr als die nicht gesellschaftsgebundenen Mitglieder. Ebenfalls wurde schon jetzt das Motto für den Festzug der Session 1958/59 festgelegt: ”All onger eene Hoot”.Am 27. August erfolgte dann endlich die Eintragung des Festausschuß Viersener Karneval in das Vereinsregister. Aus diesen Ausführungen ist zu ersehen, wie schwierig die Geburt des Festausschuß Viersener Karneval war. Wir können den Gründern nur von ganzem Herzen dankbar sein für ihre gründliche und erfolgreiche Arbeit, die schließlich die Basis schaffte, auf der wir auch heute noch nach einigen zeitbedingten Änderungen bestens weiterarbeiten können.

Dr. Günter Weinforth